Motive für Aufnahmen ohne Teleskop in der Dämmerung - Dr. Christian Pinter - Fototipps

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Fotos ohne Teleskop: Motive in der Dämmerung
In meinem Buch Helden des Himmels bezeichne ich die Dämmerung als tägliches Naturwunder ersten Ranges. Hier finden Sie weitere Literaturtipps. Um die Dämmerung im Bild festzuhalten, gilt das, was ich unter Aufnahmetechnik beschrieben habe. Ein Stativ empfiehlt sich.

Da Dämmerungserscheinungen nicht scharf begrenzt sondern eher diffus sind, dürfen wir die Blende weit öffnen - was helle irdische Lichtquellen im Bildfeld allerdings leicht mit störender Koma verunziert.
Vorweg: Der Taghimmel

Um die Erscheinungen der Dämmerung zu verstehen, sollten wir zunächst einen Blick auf den Taghimmel werfen. Besäßen wir keine Lufthülle, wäre er pechschwarz. So aber streuen Schwebeteilchen das Sonnenlicht. Je kleiner deren Durchmesser, desto mehr wird kurzwelliges, blaues Licht heraus gestreut. Weil an einem diesigen Tag viele (große) Wassertröpfchen in der unteren Atmosphäre schweben, ist der Himmel farbneutral und damit grau. An klaren Tagen mit trockener Luft kann er hingegen mit einem tiefen Blau aufwarten.


Vorwärts, rückwärts, seitwärts

Die erwähnte Streuung wirkt jedoch nicht in alle Richtungen gleich stark. Die Vorwärtsstreuung ist am intensivsten, die Rückwärtsstreuung normalerweise weniger intensiv, die Seitwärtsstreuung am wenigstens effizient. Daher ist die Himmelsregion in grob 90 Winkelgrad Abstand zur Sonne am blauesten, was sich speziell an klaren Abenden gut erkennen lässt.
Die Lichtschwächung (Extinktion)

Aus dem Licht eines Gestirns, z.B. des Mondes, wird umso mehr Blau heraus gestreut, je länger der Weg seiner Strahlen durch die Atmosphäre wird. Gleichzeitig wird das Licht auf dem Weg durch die Lufthülle geschwächt. Am Horizont ist dieser Weg 39 mal länger als am Himmelsscheitel. Daher verändern sich Lichtintensität und Farbqualität hin zu gelb, orange oder rot.
Das Phänomen der Dämmerung

Ist die Sonne unter dem Horizont versunken, stehen wir im Schatten der Erde - also im Erdschatten. Die Luft über uns wird aber noch von den Sonnenstrahlen getroffen. Sie legen dabei einen unterschiedlich weiten Weg durch die Atmosphäre zurück. Die niedrigsten Luftschichten über unseren Köpfen erhalten arg geschwächtes, stark gerötetes Licht; die höheren weniger geschwächtes und farblich neutraleres.
Die solcherart beleuchtete Luft streut das unterschiedlich stark geschwächte und unterschiedlich stark gefärbte Licht nun mit unterschiedlicher Effizienz vorwärts, rückwärts und seitwärts. Alle Effekte zusammen führen zu den zunächst farbigen Dämmerungserscheinungen mit hübschen Tönungen. Etwaige Wolken dienen anfangs als zusätzliche Leinwand und sorgen für besondere Dramatik.
Das Spiel ist dynamisch, weil die Sonne immer tiefer sinkt und sich damit die Beleuchtung der Luft über uns von Minute zu Minute ändert. Außerdem findet die Streuung mit zunehmender Sonnentiefe bald nicht mehr an den niedrigen troposphärischen Luftteilchen und Aerosolpartikeln statt, sondern an den höheren stratosphärischen. Wer sich dafür näher interessiert, dem sei Kurt Bullrichs Buch "Die farbigen Dämmerungserscheinungen" empfohlen.
Die Abenddämmerung im Westen

Den reichsten Farbenzauber erleben wir im Westen, über dem Untergangspunkt der Sonne bzw. etwas rechts davon. Es wäre reizvoll, die Entwicklung der Farbbänder mit fix am Stativ montierter Kamera im Minutentakt festzuhalten. Wählte man ein Intervall im Sekundenbereich, ließe sich aus den so entstehenden Einzelbildern sogar ein Zeitrafferfilmchen erstellen. In diesem Fall wird man die Belichtung der Automatik überlassen und - um intensivere Farben zu erhalten - mit der Taste "Av+/-" ein wenig unterbelichten.
Die Blende kann jedenfalls ganz offen sein, die ISO-Einstellung wird man eher niedrig lassen, um Rauschen zu vermeiden. Mit aufgenommene irdische Objekte schenken dem Foto eine Perspektive. Die Brennweite setzt man eher niedrig an, um ein großes Bildfeld zu erzielen - eventuell mit einem Fischauge-Objektiv.

Über dem Farbenspiel geht der Dämmerungshimmel schließlich in dunkleres Blau über. Dazwischen tritt der Klare Schein auf.
Die Gegendämmerung

Auch der Kamerablick gen Osten lohnt. Zuerst steigt in jener Richtung, die der versunkenen Sonne genau gegenüber liegt, der Erdschatten auf. Er klettert höher und höher - als düster-graue Zone, die sich später im Dunkel auflöst.

Wegen der erwähnten Rückwärtsstreuung tritt über dem Erdschattenrand im Osten die Gegendämmerung auf. Auch sie ist farbig, bestitzt aber deutlich weniger Brillanz als ihr auffälligeres Westpendent. Der purpurne Streifen über dem Erdschattenrand wird mitunter "Gürtel der Venus" genannt.
Die Tiefe macht's aus

Neben Anzahl und Größe der Schwebeteilchen ist die aktuelle Sonnentiefe der bestimmende Faktor. Man unterscheidet danach zwischen drei Arten von Dämmerung: bürgerliche, nautische und astronomische.

Während der bürgerlichen Dämmerung kann man noch Zeitung lesen. Die Sonne steht dabei 0 bis 6 Grad unter dem Horizont.

Während der anschließenden nautischen Dämmerung tauchen erste Sterne auf, während die Horizontlinie noch klar sichtbar ist. Früher maßen Seeleute zu dieser Zeit die Sternhöhen, um daraus die Schiffsposition zu bestimmen. Sonnentiefe: 6 bis 12 Grad.

Während der wiederum anschließenden astronomischen Dämmerung treten schwache Sterne hervor. Der Himmelshintergrund ist anfangs schwarzblau, dann schwarzgrau. Sonnentiefe: 12 bis 18 Grad.
Die astronomische Nacht tritt ein, sobald die Sonne 18 Grad und mehr unter dem Horizont steht. Nun wird es nicht mehr dunkler. Nach Mitternacht wiederholt sich das ganze Spiel in umgekehrter Reihenfolge, wobei zunächst das Morgengrauen als farblose Aufhellung im Osten in Erscheinung tritt.
Der Stadthimmel ist allerdings so aufgehellt, dass die astronomische Nacht de facto gar nicht mehr erreicht wird - auch wenn die Sonne noch so tief unterm Horizont stünde. Die Abenddämmerung geht hier quasi fließend in die Morgendämmerung über.

Ursache ist künstliches Licht, das absichtlich oder unbeabsichtigt hinauf in den Himmel gestrahlt und dort von Schwebeteilchen gestreut wird. Diese Lichtverschmutzung ist nicht nur ein Ärgernis für Astronomen; sie irritiert Tiere und stellt ein Risiko für die menschliche Gesundheit dar.
Mond und Dämmerung

Etwas vereinfacht gesagt gilt: Der zunehmende Mond weilt bei Sonnenuntergang schon am Himmel, der abnehmende Mond taucht erst nach Sonnenuntergang auf. Zu Vollmond steht der Mond der Sonne genau gegenüber (ganz genau ist es nicht, wegen der zur Sonnenbahn geneigten Mondbahn und wegen eines atmosphärischen Effekts, "Refraktion" genannt).

Will man den Mond während der Abenddämmerung aufgehen sehen, muss man bis zum Vollmondtermin bzw. bis wenige Tage danach warten.
Merkur und Dämmerung

Der Merkur ist in unseren Breiten nur in der hellen Dämmerung zu sehen - und entsprechend schwer aufzufinden. Leichter gelingt dies, wenn ihm die Mondsichel Gesellschaft leistet oder helle Planeten wie Venus und Jupiter den Weg weisen. Bei extrem kurzen Weitwinkelbrennweiten wird der Merkur nur noch 1 Pixel groß abgebildet. Ihn fotografisch eindrucksvoll festzuhalten, ist jedenfalls nicht einfach.
Merkur am 19.3.2024. Die geringe Brennweite (16 mm) macht ihn - oben links - zu unscheinbar
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Alle Angaben ohne Gewähr
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